Die vorurteilsbewusste Pädagogik umfasst verschiedene bildungstheoretische Ansätze, die sich darauf konzentrieren Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung in der Bildung entgegenzuwirken. Um Bildungsgerechtigkeit herzustellen und allen Schüler:innen einen offenen Blick auf die Welt zu ermöglichen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass Lehrer:innen sich dieser Thematik bewusst sind und ihre pädagogischen Praktiken entsprechend anpassen.
Grundlagen
Eigentlich dienen Stereotype der Entscheidungsfindung. Die Reduktion und Schematisierung von Informationen in Form von Generalisierungen ist eine allgemeine und notwendige menschliche Fähigkeit zur Umweltbewältigung. Problematisch werden Stereotype aber im sozialen Kontext, wenn sie Menschen aufgrund von bestimmten Merkmalen als homogene Gruppen mit spezifischen Eigenschaften zusammenfassen. Die Bewertungen bestimmter Stereotype und ihre spezifischen Zuschreibungen nennt man Vorurteile. Vorurteile können sowohl positiv als auch negativ sein und basieren nicht auf realer Überprüfung, sondern transportieren kollektive gesellschaftliche Vorstellungen.
💡 Vorurteile sind also voreingenommene Meinungen oder Einstellungen, die auf Stereotypen basieren. Sie sind immer im Kontext von strukturellen Bedingungen und gesellschaftlichen Machtprozessen zu betrachten.
Vorurteile und Stereotype durchziehen jede Gesellschaft und werden in Geschichten, Medien, der Sprache und Bildungsinhalten reproduziert, so dass sie uns - ohne aktive Reflexion - als vollkommen normal und richtig erscheinen. Eine wesentliche Funktion dieser Vorurteile liegt in der Aufrechterhaltung und Stabilisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse und -hierarchien. Vorurteile bilden also eine wesentliche Grundlage für Diskriminierung und tragen dazu bei, dass Menschen ungerecht behandelt werden, ohne dass dies den Akteur:innen überhaupt bewusst sein muss. Wenn wir über diskriminierende Vorurteile sprechen, ist es also wichtig, zu gucken welche Auswirkungen spezifische Vorannahmen für die jeweils Betroffenen haben und wer im Umkehrschluss von diesen profitiert. Die Auswirkungen von Vorurteilen sind gegenüber Banker:innen zum Beispiel andere als gegenüber geflüchteten Menschen.
Warum erscheinen uns Vorurteile so plausibel und werden, zumindest in unserer Wahrnehmung, scheinbar permanent bestätigt? Einige Mechanismen, warum sich diskriminierende Vorurteile zu hartnäckig halten:
➡️ Was für Auswirkungen Geschlechter-Stereotype und gesellschaftliche Reproduktion haben können, sieht man bis heute immer noch in dem Interesse von Mädchen an MINT-Fächern und MINT-Berufen.
💡 Grundlage der vorurteilsbewussten Bildung ist es also nicht „einfach nur“ bestimmte Einstellungen nicht offen zu äußern oder diese bei Schüler:innen zu kritisieren, weil sie als „politisch unkorrekt“ gelten, sondern sich wirklich intensiv mit vorurteilsbasierten Einstellungen auseinanderzusetzen und diesen faktenbasiert entgegentreten zu können.
Im Schulkontext spielen Vorurteile eine erhebliche Rolle. Sie
💡Als Lehrer:in ist es deswegen von entscheidender Bedeutung, sich der Existenz von Stereotypen und Vorurteilen bewusst zu sein, da sie den Lernprozess und das Klassenzimmerklima erheblich beeinflussen. Lehrer:innen spielen eine wichtige Rolle bei der Förderung von Akzeptanz und einem respektvollen Umgang miteinander, indem sie selbst - als Vorbild - Vorurteile nicht reproduzieren und Schüler:innen aktiv helfen, solche zu erkennen und aktiv zu hinterfragen. Dies trägt dazu bei, eine inklusive und gerechte Lernumgebung zu schaffen, in der alle ihr volles Potenzial entfalten können. Zudem wird so der Reproduktion von Stereotypen und Vorurteilen gesellschaftlich entgegengewirkt und die Grundlage für ein offenes und verständnisvolles Miteinander geschaffen.
💛Alle Kinder sollten das Recht haben, frei von Vorurteilen die Welt zu betrachten und in ihr leben zu können. Vorurteilsbewusste Pädagogik geht somit immer auch von einer Grundhaltung aus, die Unterschiede zwischen Menschen grundsätzlich schätzt, respektiert und als Bereicherung ansieht. Die gesellschaftliche Einteilung von Menschen in Schubladen und die Ausgrenzung, Abwertung und Hierarchisierung nach bestimmten Merkmalen wird aktiv abgelehnt.
Kinder erleben die gesellschaftlichen Vorurteile, denen sie unterliegen schon sehr früh. Sie spüren auch die Erwartungen und Haltungen ihrer Lehrkräfte. Diese äußern sich nicht nur direkt in sprachlichen Äußerungen, sondern auch stark in Mimik und Gestik, also indirekt im Unterrichtsgeschehen oder im Umgang mit den Eltern des Kindes zum Beispiel.
Die Angst von Betroffenen aufgrund von Stereotypen bewertet zu werden oder diese zu bestätigen, wird als Stereotype Threat bezeichnet. Dieser führt bei Schüler:innen zu Ängsten, Scham und einem nachweislichen Leistungsabfall. Ein Teufelskreis aus bestätigter Erwartungshaltung der Lehrkräfte und sinkenden Leistungen der betroffenen Schüler:innen beginnt.
Einen kleinen Beitrag zu Stereotype Threat und wie man ihm entgegenwirken kann - durch Weise Interventionen zum Beispiel - findest du hier.
Anti-Bias setzt sich aus dem Wort „anti“ für „gegen“ und „bias“ für „Voreingenommenheit“ zusammen (im Englischen bedeutet bias Voreingenommenheit, systemischer Fehler, verzerrte Wahrnehmungen). Nach diesem Ansatz können sowohl Menschen als auch Firmen, Organisationen oder Bildungsinstitutionen wie z.B. die Schule voreingenommen, also „gebiased“ sein. Ziel der Anti-Bias-Ansätze ist es, Diskriminierungen in der Gesellschaft aufzudecken und Vorurteilen entgegenzuwirken.
Vorurteilsbewusste Pädagogik ist ein Sammelbegriff, der unterschiedliche Ansätze und Konzepte umfasst. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, der Entstehung und Weitergabe von Vorurteilen in der kindlichen Entwicklung schon früh entgegenzuwirken und diesem Anspruch eine zentrale Bedeutung in allen Erziehungs- und Bildungspraktiken einzuräumen. Über die kritische Reflexion und den Abbau von Vorurteilen soll die Möglichkeit eines diskriminierungsfreien und offenen Miteinanders gefördert werden. Suchst du weitere Ansätze und Methoden der vorurteilsreflektierenden Bildung, dann wirst du unter verschiedenen Schlagwörtern fündig wie: diskriminierungskritische Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Globales Lernen, Anti-Bias-Ansatz, Pädagogik der Vielfalt. Interkulturelle Pädagogik, Migrationspädagogik.
❔ Fragen an dich selbst:
Wichtig ist ein schrittweiser und konstruktiver Umgang mit der Reflexion eigener Vorurteile und einer hierauf basierender Verhaltensänderung. Es gibt viele Materialien, aber auch entsprechende Workshops zur Sensibilisierung, die dir auf deinem Weg helfen können.
Hier z.B. die Seite der Harvard University die einen Test entwickelt hat, um sich der eigenen unbewussten Voreingenommenheit in Bezug auf verschiedene Gruppen bewusst zu werden.
Denke daran, dass sich eine diskriminierende Darstellung in den Köpfen festsetzt, auch wenn sie zur kritischen Reflexion und Distanzierung genutzt werden soll. Sie kann zudem betroffene Schüler:innen verletzen und ungewollt in den Fokus bringen. Daher sollte diese Methode sehr vorsichtig und erst in höheren Altersklassen genutzt werden.
Ein spezifischer Ansatz ist zum Beispiel das Konzept der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung, auch als Anti-Bias-Education bekannt. Der Schwerpunkt der vorurteilsbewussten Erziehung liegt darin, die eigene Identität zu stärken, Vielfalt aktiv zu erleben und Kinder dazu anzuregen, sich kritisch mit Vorurteilen zu befassen.
Für die Arbeit mit Kindern wurden 4 konkrete Ziele formuliert, die aufeinander aufbauen und sich wechselseitig verstärken.
Ziel 1:
Jedes Kind muss Anerkennung und Wertschätzung finden, als Individuum und als Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe. Dazu gehören Selbstvertrauen und ein Wissen um seinen eigenen Hintergrund.
Ziel 2:
Auf dieser Basis muss Kindern ermöglicht werden, Erfahrungen mit Menschen zu machen, die anders aussehen und sich anders verhalten als sie selbst, sodass sie sich mit ihnen wohlfühlen und entwickeln können.
Ziel 3:
Das kritische Denken von Kindern über Vorurteile, Einseitigkeiten und Diskriminierung anzuregen heißt auch, mit ihnen eine Sprache zu entwickeln, um sich darüber verständigen zu können, was fair und was unfair ist.
Ziel 4:
Von da aus können Kinder ermutigt werden, sich aktiv oder gemeinsam mit anderen gegen einseitige oder diskriminierende Verhaltensweisen zur Wehr zu setzen, die gegen sie selbst oder andere gerichtet sind.
Louise Derman-Sparks
In diesem Video lernst du, warum Geschlechtergerechtigkeit auch in der Schule wichtig ist und wie sie wirkungsvoll im Schulalltag vorangebracht werden kann. Tanja und Sara von Futur F geben einen Einblick in das Thema und stellen konkrete Möglichkeiten vor, wie du das Thema im Unterricht angehen kannst. Außerdem findest du im Kurs Material, das du direkt in deinem Unterricht einsetzen kannst.
Sicher kennst du das: Jungen und Mädchen ticken in den MINT-Fächern immer noch unterschiedlich. Sie interessieren sich für verschiedene Inhalte und trauen sich unterschiedlich viel zu. Wenn du wissen willst, was sie manchmal bremst, wie du Mädchen stärker aktivierst und wie davon letztlich alle Schüler:innen profitieren können, bist du in diesem Impuls richtig.
Du erfährst anhand von sechs Schiebereglern, was du als Lehrkraft tun kannst, findest Hintergrundinformationen und konkrete Unterrichtstipps und erhältst darüber hinaus auch Anregungen zu Selbstreflexion. Denn schließlich sollten Mädchen und Jungen ihr volles Potential ausschöpfen und nicht länger durch Klischees limitiert werden. Wenn sie unerkannt bleiben, wirken Klischees jedoch stärker weiter. Bist du bereit für dieses heiße Eisen?
Aus eigener Erfahrung kennt Layla Bürk zwei Perspektiven. Früher als Schülerin und heute als Lehrerin. Sie gibt Handlungsvorschläge wie man als Lehrkraft reagieren kann, wenn man von rassistischen Übergriffen auf seine Schüler:innen erfährt. Sie plädiert dafür, einen rassistischen Vorfall klar als solchen zu benennen, Konsequenzen zu thematisieren, den Betroffenen zu vermitteln. dass sie wertvoll sind und nachzufragen, was diese brauchen, um den Vorfall zu verarbeiten.